Dokumentation

Mein erstes großes journalistisches Projekt 1992 war zugleich ein Herzenskampf. Der Abriss der Schildkröt in Mannheim, der „Rheinischen Gummi&Celluloid Fabrik“, in der ich damals wohnte, sollte verhindert werden. Ich veröffentlichte einen Artikel im Mannheimer Morgen,aktivierte die FAZ berichtete und den SWR, doch es half nichts. Ein Großteil der „Schildkröt“ fiel 1993 den Baggern zum Opfer.

Heute existiert nur noch der Wasserturm, die alte Pumpenhalle und einige Nebengebäude, die in Privatbesitz sind. Lesen Sie hier meinen Appell an die Presse. Und das, was ich im Mannheimer Morgen daraus machen durfte.

Requiem für die Schildkröt – Der lange Weg zum Abriss

Die Autorin in den 90gern auf dem Gelände der Schildkröt.
Die Autorin in den 90gern auf dem Gelände der Schildkröt.

Jetzt stehen die Bagger auf dem Gelände. Sie sollen die letzten, ältesten und konzeptionell zusammengehörigen Produktionshallen der „Rheinischen Gummi & Celluloid Fabrik“ besser bekannt unter dem Namen „Schildkröt AG“, abreißen. Noch heute gibt es die Marke Schildkröt, die weiterhin Tischtennisutensilien herstellt. Diese sind aber kaum ein Vergleich zu den Puppen und Tischtennisbällen aus Celluloid aus dem Hause Schildkröt in Mannheim.

Die Mieter der alten Hallen, Gewerbetreibende, Künstler, Fotografieren und Studierende kämpften ein Jahr lang gegen den Abriss. Sie haben einige der denkmalschutzwürdigen Gebäude ausgebaut und erhalten und so zugleich ein Beispiel für die sinnvolle Verwendung der Hallen gegeben. Sie haben verloren und glauben heute, dass ihr Kampf von Anfang an aussichtslos war.

Hier stehen die einseitig wirtschaftsstrukturellen Interessen der Stadt Mannheim und die privaten Interessen der Grundstückseigentümer auf der einen Seite gegen die Interessen kleiner  Gewerbetreibender, Künstler und dem öffentlichen Industriedenkmalerhaltungsinteresse auf der anderen Seite.

Vielleicht wurden die Mannheimer zu spät und zu spärlich von der industriegeschichtlichen Bedeutung des Geländes informiert. Die Gebäude sind in keinem guten Zustand, da nicht alle Hallen bewirtschaftet und bewohnt wurden und die Mieter vor allem das Innere der Hallen erhalten haben. Vielleicht können sich derzeit nur wenige vorstellen, wie das Gelände, unter der Berücksichtigung des Denkmalschutzes saniert, wieder aussehen könnte und die Pracht der alten Tage wieder zum Vorschein käme.

DIE GESCHICHTE DER GUMMI

Die Geschichte der „Gummi“, wie die Mannheimer sie nannten, begann 1873 als die „Rheinische Hartgummiwaren-Fabrik“ in Mannheim-Neckarau gegründet wurde. Das heutige Gelände in der Morchfeldstraße wurde 1902 angekauft und als völlig unabhängige Fabrikanlage aufgebaut. Es blieb vom 2. Weltkrieg relativ verschont, so dass schon 1946 die Puppenproduktion wieder aufgenommen wurde. Doch die Zahlen wurden immer schlechter. Das Geländer der Schildkröt-AG wird 1971 zweigeteilt. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation geht ein Großteil des Geländes an die Firma „Braas und Co GmbH“, die Kunststoff produziert. Als 1975 endgültig das Aus für die traditionsreiche Puppenfirma kam, erstand die Firma „Odenwälder Baumaschinen GmbH“ den Rest der Schildkröt-Fabrik, das heutige Gelände in der Morchfeldstraße. Ein Großteil dieser Hallen auf dem Areal war ursprünglich eine unabhängige Produktionsstätte der RGCF (Rheinische Gummi &Celluloid Fabrik), die Anfang des letzten Jahrhunderts speziell für die feuergefährdete Celluloid Produktion gebaut worden waren. Diese Art der Industriebauweise befindet sich heute nach Aussage Dr. Oelsners vom Landesmuseum für Technik und Arbeit nur noch ein zweites Mal auf der Welt  und zwar in Chicago.

1989 verkaufte „Braas“ einen Teil des Schildkröt-Geländes an die Landesentwicklungsgesellschaft(LEG) auf dem sich auch das Verwaltungsgebäude, das Casino und der Wasserturm befinden. Ein Vertrag mit der Stadt Mannheim sieht vor, dass nach sieben Jahren von der LEG nicht verkaufte Parzellen von der Stadt Mannheim zurück gekauft werden müssen.  Ebenfalls 1989 beginnen auch die Diskussionen um den Bebauungsplan bezüglich des gesamten Schildkrötkomplexes ausgenommen des Teils der bis heute von der Firma „Braas“ genutzt wird.

Ansicht eines Übergangs zwischen den Hallen.
Ansicht eines Übergangs zwischen den Hallen.

Im April 1990 erfolgt die Bekanntmachung des Offenlagebeschlusses, (so später vom  Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg formuliert)  „das sogenannte Schildkröt-Gebiet wohl versehentlich nicht als zum Plangebiet gehörig eingezeichnet worden ist“.  Während der Offenlegung selbst war das „Odenwälder-Schildkröt-Areal“ nicht mehr ausgeklammert. Im Mai 1991 wird dann der rechtskräftig gewordene Bebauungsplan  mit dem sogenannten „Odenwälder-Gelände“ veröffentlicht. Aus der Begründung des Bebauungsplanes wird allerdings ersichtlich, dass eine Erschließung des Gesamtkomplexes auch ohne Beteiligung des Grundstücks der Firma Odenwälder möglich ist. Somit schreibt der Bebauungsplan der Stadt Mannheim den Abriss der Hallen nicht explizit vor. So paradox es klingt, sollte unter anderem dies dazu führen, dass die spätere Verfahrensklage gegen den Bebauungsplan abgelehnt wird.

schildkroet 2Die Stadt Mannheim plant einen Gewerbepark Neckarau und sucht einen entsprechenden Projektentwickler. Anfang 1991 hat man diesen in der Stuttgarter Firma „Codic“ gefunden. Im Juli 1991 entscheidet der Stadtrat über die Vergabe. Die Mieter des Schildkröt-Geländes fühlten sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht direkt von diesen Plänen betroffen. Dann aber hieß es in der Presse: so „…tritt nach dem Willen der Verwaltung für die gesamte Fläche der Projektentwickler Codic auf den Plan.“ (Mannheimer Morgen 2.5.91)

Die Mieter waren empört. Einigen wurde noch im Frühjahr um einige Jahre der Mietvertrag verlängert, ein Mieter zog sogar noch im April neu ein. Als sie schließlich im September ihre Kündigung erhielten, erfuhren sie, dass die Firma Odenwälder schon im Februar selben Jahres ihr Gelände an Codic verkauft hatte. Die Mieter schlossen sich daraufhin zu einer Initiative zusammen und versuchten Mittel und Wege zu finden die Existenz der Hallen, deren Flair sie längst in den Bann gezogen hatte, und auch ihre eigene zu retten.

Als erstes wurde eine Verfahrensklage gegen die Gültigkeit des Bebauungsplanes erhoben. Diese wurde im Mai 1992 abgelehnt. In der Urteilsbegründung heißt es : „Der statthafte Antrag ist deswegen unzulässig, weil dem Antragsteller… die erforderliche Antragsbefugnis fehlt“ Sie fehlte, weil der Bebauungsplan einen Abriss und die vorhergehende Kündigung aller Mietverhältnisses nicht unbedingt vorschreibt. „Unmittelbar Nachteil auslösend ist damit nicht der Bebauungsplan selbst, sondern die autonome in Wahrnehmung der Vertragsfreiheit (305BGB) getroffene wenn auch wohl durch den Bebauungsplan nachträglich motivierte Entscheidung der Grundstückseigentümerin.“

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Hier sieht man die Konsturktion der Glasdecke.

Schon während dieses Verfahren läuft wird das Landesdenkmalamt eingeschaltet. Ein Gutachten eines Industrie Archäologen des Museums für Technik und Arbeit Mannheim und die Begehung des Geländes veranlassen Frau Ungerer-Heuk, Mitarbeiterin des Landesdenkmalamtes Außenstelle Karlsruhe, eine Stellungnahme an das Regierungspräsidium höhere Denkmalschutzbehörde zu senden. „Das Landesdenkmalamt ist der Auffassung, dass die Gebäude zweifelsfrei einen erheblichen dokumentarischen und exemplarischen Wert haben. Sie sind deshalb Kulturdenkmal als Sachgesamtheit gem. §2 DSchG aus künstlerischen, heimatgeschichtlichen und wissenschaftlichen Gründen und an ihrer Erhaltung besteht ein öffentliches Interesse“.

Aufgrund des gültigen Bebauungsplan und der gültigen Abrissgenehmigung könnte aber nur eine vorläufige Unterschutzstellung einen Abriss verhindern. Diese Unterschutzstellung wird aber nur bei Gebäuden mit dem Qualitätsmerkmal eines Kulturdenkmals von besonderer Bedeutung ausgesprochen. Frau Ungerer-Heuk dazu: „Eine Beurteilung der besonderen Bedeutung als Kulturdenkmals ist nach derzeitigem Informationsstand abschließend nicht möglich.“

Die Firma Codic wurde von den Mietern auf der Erhaltenswürdigkeit der Hallen hingewiesen. Nach Meinung des Projektleiters Thomas Schneider sei eine Sanierung unrentabel, da zu teuer.  Frau Ungerer-Heuk ist anderer Meinung: „Insgesamt sind die Gebäude instandsetzungsbedürftig, wobei Erhaltungsaufwand die Grenze der Zumutbarkeit voraussichtlich nicht überschreiten wird.“

In ihrer Stellungnahme befinden sich auch Aussagen über den Bebauungsplan: „Das Bebauungsplanverfahren „Gewerbepark Neckarau“ für das Areal der Firma Braas und Firma Odenwälder ist ohne die planungsrechtlich erforderlichen Anhörung des Landesdenkmalamtes als Vertreter öffentlicher Belange abgewickelt worden… Der Bebauungsplan Gewerbepark Neckerau ist formell und materiell fehlerhaft, seine Genehmigung wurde zu Unrecht erteilt. Nach Auffassung des Landesdenkmalamtes ist die Genehmigung des Bebauungsplanes Gewerbepark Neckarau und ebenso die Genehmigung zum Abbruch der Industriehallen zu widerrufen“.

Das Regierungspräsidium teilte am 29.05. 92 dem Anwalt der Mieterinitiative die Entscheidung mit. Die vorläufige Unterschutzstellung wird abgelehnt. Auch hier heißt es unter anderem in der Begründung, dass die Antragsteller kein Antragsrecht zu beanspruchen haben: „Zum einen steht der Mieterinitiative „Alte Schildkröt“ kein unmittelbarer Rechtsanspruch dahingegen zu, die vorläufige Eintragung dieser Gebäude …zu beantragen.“ Und zwar weil die Mieter „auch nicht zum Kreise derjenigen gehören, die möglicherweise durch eine Entscheidung nach Paragraph 17 LdSchG in ihren subjektiv öffentlich-rechtlichen Rechtspositionen betroffen sein können. Somit werden die Interessen der Antragsteller allenfalls reflexartig von §17 LdSchG geschützt.“

Diese Begründung ist den Mietern mehr als unverständlich, da eine Erhaltung und  Sanierung die Fortführung ihrer Mietverhältnisse bewirken würde.

Mit keinem Wort wird die Frage der Rechtsgültigkeit des Bebauungsplanes und der daraus folgenden Abrissgenehmigung, immerhin von einer Mitarbeiterin des Landesdenkmalamtes in Frage gestellt, erwähnt. Es kann für das Regierungspräsidium nur „davon ausgegangen werden, dass das öffentliche Denkmalerhaltungsinteresse gegenüber den städtebaulichen und wirtschaftsstrukturellen Interessen der Stadt Mannheim und den privaten Interessen der Grundstückseigentümerin als nachrangig zu betrachten ist.“

Für die Mieter des Schildkröt Geländes ist dies allerdings kein Trost. Ihre Vorstellung von der Nutzung des Geländes hätte zwar durch die Mischansiedlung kultureller und gewerblicher Kleinbetriebe vielleicht weniger Geld, aber umso mehr kulturelles Prestige für die Stadt Mannheim gebracht.

Der  Wasserturm der RGCF soll als einziger Gebäudeteil erhalten bleiben. Ein Antrag auf Abriss Genehmigung für das unter Denkmalschutz stehende Verwaltungsgebäude läuft zurzeit. Diesem wird aller Wahrscheinlichkeit nach stattgegeben. Eine Sanierung würde im jetzigen Zustand zu viel Geld kosten und die Miete in die Höhe treiben man habe Käufer gesucht, die das Gebäude erhalten, sagen Mitarbeiter des Amtes für Wirtschaftsförderung, aber keine gefunden. Die wertvolle Jugendstil -Inneneinrichtung ist zum großen Teil zerstört. Jahrelang stand das Verwaltungsgebäude ebenso wie das Casino und der Wasserturm offen. Der Vandalismus Unbekannter hat ganze Arbeit geleistet.

Der Wasserturm dient als Wahrzeichen. Vielleicht wird er auch denen, die eines Tages in seinem Schatten schaffen, als Mahnmal für die Grenzen des Wachstums in die Vergänglichkeit von Größe Macht und Geld dienen. Oder niemand wird sich mehr an die Geschichte erinnern.

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Artikel MM Schildkroet


Claudia

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